Werden unsere Roboter wohl Kirchensteuer zahlen?

Wir schreiben das Jahr 2095. Die anglikanische Kirche befindet sich mitten in der Debatte, ob künstliche Intelligenz (KI) die Kommunion empfangen kann, so Ed Simon in seinem Beitrag für AEON. Die Androiden argumentieren, dass wenn der Mensch die Schöpfung Gottes ist, ein Android demnach auch ein Geschöpf Gottes sein muss.

Diese Debatte scheint etwas weit weg zu sein von den Fragen zur Zukunft. Wenn man aber diesen recht anspruchsvollen Text von Simon gelesen hat, wird einem die KI-kritische Debatte mit Blick auf den Arbeitsmarkt nachvollziehbarer erscheinen. Wenngleich Informatiker und KI-Forscher immer wieder betonen, dass die Debatte um KI zu einem “Hype” zu werden droht, sind die Menschen doch längst dabei, der KI einen “wesenhaften” Charakter zuzuschreiben. Niedlich sind sie ja heute schon.

Wir diskutieren heute bereits über Haushalts-Roboter bzw. Androiden, die uns den Haushalt führen und Reparaturen und Wartungsarbeiten erledigen oder von Pflege-Androiden, die uns bei Krankheit und Lifestyle bedingten Ausfallerscheinungen zur Seite stehen und arbeiten an ihrer Realisierung. Ich persönlich stehe dieser Entwicklung sehr positiv gegenüber.

Es besteht daher aus Sicht des Autors Nachholbedarf bezüglich der Klärung unseres Verhältnisses zu den erwartbaren künstlichen Wesen, die unsere Arbeit und unser Leben in den nächsten Jahrzehnten maßgeblich beeinflussen werden.

Begonnen hat alles mit der Schaffung des ersten “Androiden” überhaupt, einem mechanischen Mönch aus dem 16. Jahrhundert, hergestellt in Italien. Aufgabe des Mönchs war es nicht, göttliche Kommunikation nur nachzuahmen, sondern diese auch tatsächlich selbst auszuführen. Was aber geschieht mit unserem Verständnis von Gott oder einer Religion, wenn eine KI “selbsttätig” religiöse Kommunikation übernimmt? Beweist die KI damit nicht, dass sie letztlich selbst göttlichen Ursprungs ist?

Es kann eine direkte Verbindung zwischen den Erschaffern des Mönchs und heutigen KI-Forschern gezogen werden:

“Modern cybernetics is at least partially the product of a very old archetypal drive that pits human ingenuity against nature via artificial proxies.” (Die moderne Kybernetik ist zumindest teilweise das Produkt eines sehr alten archetypischen Antriebs, der den menschlichen Einfallsreichtum über künstliche Stellvertreter gegen die Natur stellt.)

Ist dies vielleicht der Grund für unser menschliches Unbehagen, wenn es darum geht, KI in unseren (Arbeits-) Alltag einzubauen? Wie werden wir zukünftig Bewusstsein, Individualität oder Handlungsmacht definieren? Die Entwicklung von KI ist daher eine quasi-theologische Frage.

Warum aber findet diese notwendige Debatte bisher so wenig statt und lässt uns dann mit dem “schlechten Gefühl” im Umgang mit KI im Arbeits- und Lebensalltag zurück? Haben beispielsweise die Schöpfer einer bewussten KI nicht auch eine hohe Verantwortung zu tragen – bezüglich der von ihnen geschaffenen “Wesen”?

“Can we speak of salvation and damnation for digital beings?” (Können wir von Erlösung und Verdammnis für digitale Wesen sprechen?)

Kann es sein, dass das, besonders in westlichen Gesellschaften ausgeprägte, Misstrauen gegenüber der Idee von Androiden gerade deshalb so vertreten ist, weil der christliche Hintergrund der dortigen Kultur von der Einmaligkeit des Menschen und seiner “Seele” ausgeht?

Wenn Christen Gott als ihren Schöpfer betrachten, ist dann nicht auch das Produkt dieses göttlichen Produkts selbst auch wieder ein göttliches Produkt?

Ist es diese theologisch konsequente Meta-Kausalkette, die uns Kopfschmerzen bereitet? Buddhisten und Hinduisten scheinen weniger Probleme mit diesen Konzepten zu haben, so Simon.

Raymond Kurzweil, so Simon, hat mit seinen Thesen zum Eintreten der Singularität um das Jahr 2030 herum, schon die richtigen Fragen angestoßen, mit denen wir uns aber bisher viel zu wenig beschäftigen:

Wie gehen wir mit den Fragen um, die die KI an uns richten wird?

Der schwedische Internet-Vordenker Alexander Bard hat schon vor Jahren vorgeschlagen, das Internet nicht mehr als technologisches, sondern als theologisches Phänomen zu betrachten, da wir Menschen schon lange nicht mehr in der Lage sind, die Entwicklungen, die sich erst aus dem Zugang zum Internet ergeben haben, in ihrer Komplexität zu begreifen.

Simon fragt: “When there are those who come to convert the computers – or when the computers come to convert us – what crusades, reformations and revivals can we envision?” (Wenn es diejenigen gibt, die kommen, um die Computer zu konvertieren – oder wenn die Computer kommen, um uns zu konvertieren – welche Kreuzzüge, Reformationen und Wiederbelebungen können wir uns vorstellen?)

Vielleicht ist es höchste Zeit, sich mit diesen scheinbar noch so fernen Fragen zu befassen, um den Menschen die so häufig zu beobachtende Angst vor der KI im Arbeits- und Lebensalltag zu nehmen? Sollten wir das Thema nicht sehr viel offensiver angehen? 

Ich persönlich bin der Meinung: je mehr meine KI von mir weiß, desto besser kann sie sich auf mich und meine Bedürfnisse einstellen. Da ist es nicht anders als in einer menschlichen, vertrauensvollen Beziehung.

Via: Ed Simon – AEON

CC Titelbild: „The Noun Project – Simon Child – Thomas Hirtler“

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